Skip to content

Antikes bloggen

Dez 2010
04

 

Sokrates Mainomenos
oder
Die Dialogen des Diogenes von Sinope

aus einer alten Handschrift, von Christoph Martin Wieland
Leibzig 1770

» Wie ich auf den Einfall komme, meine Begebenheiten, meine Beobachtungen, meine Empfindungen, meine Meynungen, meine Träumereyen, meine Thorheiten, — euere Thorheiten, und — die Weisheit, die ich vielleicht aus beyden gelernt habe, zu Papier zu bringen, das - sollte gleich das erste seyn, was ich euch sagen wollte, wenn ich nur erst Papier hätte, worauf ich schreiben könnte. — Doch, Papier könnten wir leicht entbehren, wenn wir nur Wachstafeln, oder Baumrinden, oder Häute, oder Palmblätter hätten! — und in Ermanglung deren möchten es weisses Blech, Marmor, Elfenbein, oder gar Backsteine thun; denn auf alle diese Dinge pflegte man ehmals zu schreiben, als es noch mehr darum zu thun war dauerhaft als viel zu schreiben: — Aber unglücklicher Weise habe ich von allen diesen Schreibmaterialien nichts, und wenn ich sie auch hätte, so würd’ ich sie nicht gebrauchen können, weil ich weder Feder noch Griffel, noch irgend ein anderes Instrument dazu habe, als dieses Stückchen Kreide. — Es ist ein schlimmer Handel! — Aber wie machte ichs, wenn gar nichts von allen diesen Dingen in der Welt wäre? Nicht schreiben wäre wohl das kürzeste Mittel; aber schreiben will ich nun, das ist beschlossen. — In den Sand schreiben? — Es gienge an; ich kenne zwey bis dreyhundert junge und alte Schriftsteller, denen ich, weil sie doch nun einmal schreiben wollen, wie ich, — oder vielleicht schreiben müssen, — diese Methode bestens empfohlen haben wollte. Allein sie hat bey allen dem ihre Unbequemlichkeiten. —


diogenes in der tonneDummkopf! daß ich mich nur einen Augenblick besinne, eh ich sehe, daß meine Tonne geräumig genug ist, eine ganze Iliade zu fassen, in so fern ich klein genug schreiben könnte. An meine Tonne will ich schreiben! — Ihre Seitenwände sind ohnehin so nackt, ohne Schnitzwerk, ohne Vergoldung, ohne Tapeten, ohne Mahlereyen; in der That, gar zu kahl. — Bin ich nicht so gut als der Wurm, aus dessen gesponnenem Schleime man diese Gewebe macht, womit unsre neuen Argonauten ihre Säle kleiden? - Der Wurm spinnt sich sein Haus selbst; ich beneide ihn darum; das ist mehr als ich kann. Aber ich kann doch mein Haus mit meinen eignen Hirngespinnsten tapezieren, und das will ich, wenigstens so lange dieses Stückchen Kreide dauert. «


Wuff! ;-)

»Ich suche einen Menschen!«

Trackbacks

Keine Trackbacks

Kommentare

Ansicht der Kommentare: Linear | Verschachtelt

Noch keine Kommentare

Kommentar schreiben

Die angegebene E-Mail-Adresse wird nicht dargestellt, sondern nur für eventuelle Benachrichtigungen verwendet.
Umschließende Sterne heben ein Wort hervor (*wort*), per _wort_ kann ein Wort unterstrichen werden.
Standard-Text Smilies wie :-) und ;-) werden zu Bildern konvertiert.
Formular-Optionen