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Fremdbestimmung - Reggaetechnisch gesehen

Sep 2017
26

26. Juli 1994
Die Fremde II.
Born to survive in Africa and everywhere...

Überleben ist eine Kunstform des Lebens! Sie ist anarchisch und zugleich zukünftig. Wer sich ihr verschreibt, ob gewollt oder nicht, reduziert sich auf sein Minimum. Doch gibt es unglaubliche Unterschiede ihres Auftretens. Massen strömen auf der Flucht, Grenzen nehmend, herdengleich zu Orten, von denen sie sich Rettung versprechen. Nichts als das Hemd auf dem Leib, einen Notvorrat in der einen, das Wertvollste in der anderen Hand. So schleppen sie sich hunderte von Meilen, ausgemergelte Gestalten, stolpernd über Leichen, um einen imaginären Ort zu erreichen, der ihnen das Überleben verspricht. Internationale Hilfe läuft an, aber sie nimmt sich ihre Zeit. Tage, Wochen vergehen - Organisation und Bereitwilligkeit haben ihre eigene Zeit und Bürokratie. Nichts, so scheint es, kann das große Sterben aufhalten. Man stelle sich vor alle Einwohner Hamburgs machten sich mit einem Male auf und würden ein kleines Dorf an der niederländischen Grenze besetzen. Alles lagert sich, hunderttausende von hungrigen und durstigen Menschen, auf einem Fleck. Schon nach Stunden hat sich dieser Ort rasant verändert. Staub weht durch die Luft, überall Menschen, Köpfe, Glieder, sie röcheln, husten, sinken in sich zusammen, aufeinander, übereinander und ihre Leichen werden kaum noch wahrgenommen. Bäume werden zu Brennholz, Rauchschwaden von feuchtem Holz ziehen dick und trübe übers Gelände. Brunnen vertrocknen, überall liegen die Exkremente unschuldig Schwacher, Pfützen und Seen werden zu stinkenden Kloaken, verschlammen, verenden. Krankheiten breiten sich aus wie Staub im Wind, die Erde hat ein blutendes Geschwür. Schwäche breitet sich aus, einer nach dem anderen sinkt müde nieder, rührende Szenen der Hilfsbereitschaft werden karg und matt. Die Schwäche ist wie Durchfall, sie nimmt alle Initiative, sie reduziert sich auf das Stadium des Vegetierens, des Wartens, des hilflosen Herbeisehnens von einem erlösenden Ende. Ärzte, Helfer, Reporter ziehen mit steinernen Gesichtern durch die zusammengesunkenen Massen - genauso hilflos, am Ende mit ihrem Wunsch aus Steinen Brot und aus dem Staub Wasser zu machen. Ihr Überleben ist ein Anderes. Sie müssen sich vor diesem ungeheuren Leid verschließen, es ausblenden, dürfen sich davon in ihrer Arbeit nicht beeinflussen lassen. Die Seele wird hart und leer. Sie stehen mitten unter verwesenden Leichenbergen und gehen ihrer Arbeit nach, berichten mit zitternder Stimme und kalten, leeren Augen der Welt durch ihren Guckkasten von dieser menschlichen Tragödie, wollen andere aufrütteln, gegen das Vergessen ankämpfen. Darauf reduziert sich ihr Sinnen, immer mit dem realistischen Verdacht, daß sie nur Teil einer gigantischen Fütterungsmaschinerie sind, die Bilder und leere Worte im Dreißigsekundentakt in ebenso hilflose leere Köpfe hämmert. Die vermeindlich zivilisierte Welt mit ihrer ängstlich abgesicherten Existenz erträgt dieser Bilder des Leids nicht. Sie muß sich wehren, sie muß sie ausblenden und vergessen. Um zu überleben wird an die eigenen Sorgen und die Schwierigkeiten ihrer Überwindung gedacht. Reduktion ist ihr ureigenstes Verhalten. Reduktion schafft Möglichkeiten der Vielfalt, aber die Sinne erlahmen unter der Massenvielfalt, den einstürzenden Informationen und ihrer sofortigen Verdrängung und Ausblendung.

Eine andere Form, aber vielleicht auch nur eine andere Verpackung, für diesen Kampf um das Überleben spielte sich lange Zeit in Südafrika ab. Überleben als eine Form der Menschenwürde, des politischen und kulturellen Gegenübers. Weiße gegen Schwarze, Schwarze gegen Weiße, beide gegen die Inder, dieselben gegen alle. Rassentrennungen und Vorurteile, Haß und Neid, Ausbeutung und Agonie. Überleben in einer solchen Welt heißt Trennung, Suche nach eigener Persönlichkeit, mehr noch um ein einendes kulturelles Grundgefühl im steten Kampf um Gleichberechtigung. Überleben in einem solchen System heißt Ausgrenzung, Abgrenzung und Verhärtung. Da sich wenig im Land selbst artikulieren kann, gibt es Verbündete im Überlebenskampf, die wortgewaltig der Welt diesen Spiegel vorhalten, bis sich der politische Druck zusehends auf ein solches System verstärkt. Einer dieser Verstärker war die Reggaemusik. Klassenkampf im rhythmischen Beat, Inhalt im Grundgefühl kreolischer Völker - african roots. Hämmernder Baß und die Kunst der Reduktion, des Weglassens, peitschender und wiegender Sound, der über alle Kanäle des Äthers auch Afrika erreicht und dort aufersteht als eine Form des Widerstands, als ein Instrument der Artikulation gegen die Schranken des Unverständnisses. Bald sind Löcher gebohrt, die diesen unnatürlichen Zustand aufbrechen, aufweichen und ändern. Die Botschaft ändert sich in eine Botschaft des Verständnisses, einer allgemeinen Grundachtung, die ohne wenn und aber Kultur und Hautfarbe zu einer Schöpfung Gottes erklärt, zwischen der Liebe und fruchtbarer Austausch geschehen soll. Noch ist dies ein Traum von Brot und Wasser, aber Dinge sind auf den Weg gebracht, während man an anderen Orten der Welt wieder ein paar Schritte zurückmacht.

Während Big Ben in good old England zur steten Stunde schlägt, ganze Völker andächtig seinen Glockenschlägen lauschen, suchen Millionen von Menschen ihr Überleben zu sichern. Völker wandern aus Not, aus Angst, aus Suche nach Änderung ihrer bisherigen Lebensverhältnisse und Lebensgrundlagen. Alle haben verschiedene Wege und Ziele, aber sie eint dieses Gefühl nach dringend notwendiger Veränderung ihres Seins. Ein Teil der Menschheit träumt ebenfalls den Traum auf der Wanderschaft zu sein. Leben zu spüren bis es real wird, aus den Köpfen und Träumen heraus in  eine Welt der nackten Existenz gestoßen zu sein, ohne Versicherung und festen Platz, an dem man sich zurückziehen kann wenn es zuviel wird. Wenige verwirklichen sich dieses unbestimmte Gefühl einer Befriedigung urmenschlichster Bedürfnisse. Wanderer, Globetrotter, Schriftsteller, Freaks - Namen ließen sich viele finden für diese kleine Schar, die ihr Glück in der Suche nach Existenz sucht. Sie geben ihren festen Platz für etwas auf, was sie wahrscheinlich niemals finden werden. Paradiese sind rar geworden auf dieser Welt und ein Aufenthalt auf ihnen wird den heutigen Menschen nicht mehr über längere Zeit befriedigen. In Träumen erfüllt sich in einem Paradies so manches von diesen Wünschen - doch zu welchem Preis...? Sinne, Wahrnehmungen, Gefühle und Kenntnisse nehmen mit zunehmenden Aufenthalt ab, verflüchtigen sich in Stumpfheit und ausgeblendeter Zufriedenheit.
Vielleicht wird man dort alt, aber die Seele bleibt jung und ungereift wie grüne Bananen. Fausts Teufel hat doch recht, wenn er diesen Weg als einen von zweien beschreibt, die Seelen garantiert in seine Arme treibt. Genügend Stolpersteine und Fallstricke liegen aber auch auf dem anderen Pfad, der nicht dem Was, sondern dem Wie die eigentliche Aufmerksamkeit zuwendet.

Überleben in der Fremde, Fremdes überleben, all dies sind Chimären der Tourismusindustrie geworden, die die Welt im Zweiwochenrhythmus verpachtet, um ein Gefühl zu verkaufen. Ein Gefühl, das dem heutigen Menschen mit seiner Individualität, seinem Egoismus immer wichtiger zu werden scheint. Doch widerspricht es diesem Wirtschaftszweig, Fremdes wirklich erlebbar zu machen. Grenzen und kulturelle Unterschiede verwischen sich zusehends. Fremdenbrei wird zubereitet, hübsch garniert und sanft gekocht. Interesse reduziert sich in der Masse, in der Ausblendung der Reise, den Oasen für verspannte Urlauber.

Reisen in die Fremde - ein Fremdwort in der heutigen Zeit? Ja, es ist ein Reisen in Bekanntes, Erträgliches und Zubereitetes. Auf diese Art wird Fremdes nur noch in sich selbst erlebbar, wenn der Reisende infolge des ewig gleichen nur sich selbst fremd zu werden droht. Hundertundfünfzig mal Mallorca, man kennt die Streiks französischer Fluglotsen, sein Hotel, das Personal, jeden Winkel, jeden Baum und Strauch und begegnet doch nur sich selbst - als ewiger Abklatsch eines Menschen der sich seinem wahren Ich immer mehr entfremdet.
Fremd wird einem die eigene Welt, kompliziert strukturiert, ewig im gleichen Kreis sich drehend. Wo erwächst wirkliches Interesse für die Fremde - im Kopf, im Bauch, im rechten Zeh, in der Schule, am Herd, am Guckkasten...? Wer wird diesem System Einhalt gebieten, Halt rufen und in die allzunahe fremde Ferne zeigen...
Für die einen «born to suffer», für die anderen «born to survive». Botschaft der Fremde aus einer anderen Welt, medial zubereitet.

Und doch ist sie - die Fremde - reizvoll bis in die Fußspitzen - andere Länder, andere Sitten, Göttergleich in ihrer Macht und Anziehungskraft. Geistiges Überleben im Reisen, in der Auseinandersetzung mit der Fremdheit, Veränderung und steter Fluß des Denkens und der Wahrnehmung als Garant eines wirklichen Erlebens. Einbruch, Erweiterung und Sensibilisierung im zu festen Gefüge von Denken, Fühlen, Wollen - das sind die Triebfedern des Reisens.

Überlebenstechnik Reisen! Fremdes muß überleben, zum Wohle ihrer selbst und zum Wohle wahren Interesses zwischen Fremden.

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