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Die Logik der seltsamen Position

Sep 2017
05

oder, Wie der gerade verstorbene Dichter John Ashbery (* 28. Juli 1927) den Film-Künstler Jim Jarmusch inspirierte.

 

 

 

All beauty, resonance, integrity,
Exist by deprivation or logic
Of strange position.

–“Le livre est sur la table,” Some Trees (1956)
 

 

» 1974 entdeckte ich die wunderschönen Gedichte von John Ashbery zum ersten Mal in “Some Trees”. Besonders diese kurzen Eröffnungszeilen vibrieren seither in mir. Ihre prägnante Eleganz schien mir vom Dichter eine Herausforderung zu sein, sie wörtlich zu nehmen. Das habe ich auch getan. Das Verstehen, dass diese drei Qualitäten “durch Entbehrung existieren”, hat mich dazu geführt, Begrenzungen als Stärken anzunehmen. Ebenso hat mich die wundervolle “Logik der seltsamen Position” dazu ermutigt, die inhärente Gabe des Gefühls eines Außenstehenden zu feiern und die Dinge von den Rändern aus enthusiastisch zu betrachten. «

Jim Jarmusch, in “90 lines for John Ashbery’s 90th birthday” (Literary Hub, 28 Juli 2017)

 

Also versuchen wir es ein mal:

Der Dichter sagt uns, Alle Schönheit, Resonanz und Integrität, bestehen entweder durch ihre Entbehrung oder durch die Logik ihrer besonderen Lage. So liegt das Buch (des Lebens) auf dem Tisch. Ich betrachte es in dem ich es wiege und wende, im Nahen wie im Entfernten, erlese mir seinen Zauber von Rande her, durchfließe seine innere Mitte und ende vollgesogen wieder am Rande: Erkenne die Schönheit, Hinterlassenschaft und wahren Kern nicht, weil ich in ihr bin oder verbleibe, sondern, weil ich sie und es mit wechselnden Standpunkten und Entfernungen, von Außen betrachte. Ihre Besonderheit erkenne ich, weil sie sie sich bewußt von dem Alltäglichen entfernt, einen erhabenen oder eigenen Standpunkt hat. Das Beschreiben der drei genannten Qualitäten ist deshalb in besonderer Weise dazu geeignet den Rändern mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Sie erst ermöglichen das innere Wesen zu erkennen. Dies sollte auch einer Gesellschaft zu eigen sein. Bravo Jim! Ein Weg, den es zu gehen lohnt.

John BergerUnd nicht zu vergessen: Ich muss herzhaft über SIE und MICH und DICH lachen können. Ohne dies wird das Leben sterben. Denn hier ist es, wo wir uns begegnen!
So inspirieren auch mich diese alten Knaben immer wieder. Ein mir sehr wertvoller, der auch mit 90 aus dem vollen Leben schied, schrieb dazu:

» Ich las so gerne, weil ich mich durch die Bücher in das Leben anderer hineinversetzen konnte. Deshalb las ich. Unzählige Bände. Und jeder handelte vom richtigen Leben, aber nie von dem, was mit mir geschah, bevor ich mein Lesezeichen fand und weiterlas. Während ich las, vergaß ich die Zeit. [...]
  Im Moment laufe ich Gefahr, nur noch Unsinn zusammenzuschreiben.
  Schreib einfach auf, was du findest.
  Ich werde nie wissen, was ich gefunden habe.
  Nein, das wirst du nie wissen. Alles, was du wissen musst, ist, ob du lügst oder ob du die Wahrheit erzählst.
 «

John Berger (* 5. Nov 1926), in “Hier, wo wir uns begegnen”.

Danke, all meinen Johns & Jims!

Wahrheit und Dichtung - einmal um den Block/g

Sep 2017
02

Wege entstehen dadurch, dass man sie geht (Franz Kafka)

Janouch war der Sohn eines Kollegen Kafkas in der Arbeiter-Versicherungs-Anstalt, der seinen Sohn, weil er dichtete, einmal zu Kafka brachte. Kafka nahm den jungen Mann mit großer Liebenswürdigkeit auf; er traf öfter mit ihm zusammen und sprach mit ihm über die verschiedensten literarischen Gegenstände. Nach einem Vierteljahrhundert hat nun Janouch nach den Notizen, die er sich über diese Gespräche machte, ein Erinnerungsbuch geschrieben. Er sandte das Manuskript an Max Brod, der es - nach Inhalt und Form der Gespräche - für authentisch erklärte. Es steht wohl außer Frage, dass die veröffentlichten Gespräche auf wirklich stattgefundenen Unterredungen beruhen, wenn auch ihre Formulierung bei der nachträglichen Stilisierung vermutlich eine etwas entschiedenere Fassung erhielt, als Kafka sie ihr ursprünglich gegeben haben mag. Dennoch ist Janouchs Buch als eine wertvolle biographische Quelle zu betrachten. (Felix Weltsch, Klappentext)

» (…) Gibt es aber ein größeres Geheimnis als die Wahrheit? Dichtung ist immer nur eine Expedition nach der Wahrheit.«
»Was ist aber die Wahrheit?«

Kafka schwieg einen Augenblick, dann lächelte er spitzbübisch.
»Das sieht so aus, als hätten Sie mich gerade bei einer leeren Phrase ertappt. In Wirklichkeit ist dem nicht so. Die Wahrheit ist das, was jeder Mensch zum Leben braucht und doch von niemand bekommen oder erstehen kann. Jeder Mensch muss sie aus dem eigenen Innern immer wieder produzieren, sonst vergeht er. Leben ohne Wahrheit ist unmöglich. Die Wahrheit ist vielleicht das Leben selbst.«

- Gustav Janouch. Gespräche mit Kafka. Erinnerungen und Aufzeichnungen.

Rückblicke

Mai 2014
30

Lobsters sind principalis Einzelänger! Was nicht heißt, das sie nicht dann und wann auch einen Freund finden. Selten. Einen Freund im Geiste, einen verwandten Geist.

Mein Freund ist ein nordpazifischer Lobster, mit dem ich schon die ganze Welt gesehen habe. Und warum? Uns war es in unseren Höhlen zu eng geworden; die Flucht nach vorn eine willkommene Abwechslung. Gewissermaßen ist meinem pazifischen Freund schnell klar geworden, dass er eine austerbende und deplazierte Art ist, wenn er nicht auswandert. Was er denn auch tat und an immer neuen Orten Fuß fasste.

Geprägt vom Leben, immer noch auf der Suche nach uns selbst, stehen wir nun da und schauen auf die kurvigen Trümmer der Hoffnungen und Erwartungen. Staunend. Ernüchtert. Wissend, dass die Zeiten jugendlicher Eroberung neuer Höhlen und neuer Reviere grundsätzlich vorbei ist.

So erreichte mich vor kurzem ein Brief meines Freundes, rück blickend:

Der Fern-seher

Wir sitzen in einem rostigen kleinen Fiat und rasen mit erhöhtem Tempo durch die bergige und kurvenreiche Landschaft von Marokko. Ich bitte meinen Freund um eine langsamere und angemessenere Fahrweise in einem Land, wo unberechenbare und unbeleuchtete Fußgänger, Schafe und Fahrradfahrer kreuzen oder auf falscher Fahrbahn entgegen kommen - wir sind doch nicht auf der Rallye Paris-Dakar? Keinen Zweck, wir düsen weiter; “Ich muss mich nicht an deine Empfehlung halten, oder?”, kommentierte der verrückte Fahrer.

Die Windschutzscheibe wird zum Bildschirm, alles zieht beliebig an einem vorüber, jede Kurve birgt wieder eine Kurve, einen Berg, ein neues Hindernis oder eine Überraschung und die Wiederholung dessen, eine Kurve, einen Berg... Doch bald stellt man fest, nichts ist wirklich neu, alles schon einmal gesehen, alles in vielfachen Variationen erlebt, sogar die Überraschungen kopieren sich fortlaufend.

Besteht das Leben aus nichts anderem als einer unendlichen Kette von variierenden Wiederholungen...? Was soll dann die Fahrerei mit steif werdenden Gliedern und ermüdenden Augen? Kann ich nicht anhalten und mich hinsetzen und fragen warum? Sehe ich nicht in dem Moment des Aussteigens weitaus mehr? Und wird nicht durch tausend Eindrücke der einzelne Eindruck verdrängt - nichtig gemacht?

Das Äussere Sehen ist Fern-sehen und dient nicht nur die zahllosen Eindrücke durch neue zu überlagern, sondern auch sich als Betrachtender zu vergessen und um sich abzulenken von wahren Themen des Lebens: sich selbst zu finden, mit sich zu Recht zu kommen, sich und andere zu ertragen, sich weiterzubilden und sich zu formen. Das neue Reisen sucht den inneren Weg, nicht Abgase, Äußere Gegebenheiten oder weitere fremdländische Orte.

jb marroko

In unserer Zivilisation kann man in endloser Se­­rie Dinge finden, die einen befriedigen, die einem ständig neue Höhepunkte liefern, die einen klei­­den, die einen informieren und so weiter. Alles steht bereit für ein Leben in Bequemlichkeit, mit Tempo und mit Spaß. Aber dann gibt es etwas in uns allen, das sagt: Und was jetzt? Und was dann?

Saul Bellow, Interview, Wir müssen die Klassiker studieren, die Zeit, 13.1.1989


liebe grüße an den fahrer...
john

 

Mein lieber John - ich denke an dich, in deiner Höhle! Und erinnere die tausendundeine Nacht, die wir in Marokko erlebten! ;-)