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To my friends..

Apr 2019
12

Zwist
Wir werden uns nicht einigen und wir sollen und müssen uns nicht einigen. Freunde, wir sehn betroffen den Vorhang zu und alle Fragen offen. (MRR, 25.4.1997)

Pferd und Reiter - Ein Ausflug in die Vergangenheit

Mär 2019
10

10. Oktober 1994
Die Fremde III.
Born to survive in Africa and everywhere...

Schwarzer Tod im Lande der Geduldigen. Sehnsuchtsland - Märchenland - Land der Kasten und Land der Religionen. Was ist nur aus dir geworden. Elend herrscht. Millionen leben im Dreck, hausen auf Müllbergen, verbringen ihr Leben zwischen Ratten und heiligen Kühen. Keiner aber wagt aufzustehen und “Schluß!!!” zu rufen. Bereitschaft zum Leiden. Ist es schon Stumpfsinn, Apathie? oder gerät hier nur das westliches Denken wieder einmal an die Grenzen seiner Schublade? Riesiges Land - Kontinent in sich - Sammelbecken und Aufbewahrungsort strebsamer und arbeitsamer Menschen - Millionen von Menschen, die still ihr Leid ertragen, still sich ins Joch ihrer uralten Traditionen und Vorstellungen zu fügen scheinen. Was ist das nur für ein Kontinent, der sich vor Millionen von Jahren auf den Weg machte vom Indischen Ozean nach Nordosten - langsam dahindriftend - bis er schließlich mit Macht unaufhaltsam auf die asiatische Landmasse aufstieß - Gebirge voller Wunder und prächtiger Größe auftürmte und die Menschen im Norden und Süden gleichsam in sich selbst einschloß. Menschenreiche die sich mit ungeheurer Schnelligkeit vermehrten, deren Kinderreichtum Glanz und Elend, Sicherheit der Großfamilie und ängstliches Erschaudern der westlichen Welt vor dieser Explosion des Bevölkerungswachstums förderte. Wie alle großen Dinge dieser Welt ist auch dieser Mikrokosmos Indiens gleichsam ungeheuer kompliziert strukturiert, aber ebenso auch lapidar einfach und erkennbar. Blickt man aus der Fremde, aus der Ferne - so kann einem beides begegnen - steht man unmittelbar darinnen, so wird auf der einen Seite die verwirrende Vielfalt offenbar, auf der anderen Seite aber auch der Langmut und der einfache Umgang der Menschen mit diesen Strukturen. Wenige nur fragen, sind neugierig diese Strukturen zu erkennen und zu durchstoßen. Denn dazu bedarf es eines bewußten analytischen Vorgehens, dessen westlicher Ansatz nicht so ohne weiteres in eine Kultur übernommen werden kann, die schon seit Jahrtausenden genau den umgekehrten Weg geistiger Besinnung und Erforschung nimmt. Lange hört man nichts aus diesem Lande der Ewigen, dann plötzlich steht es im Mittelpunkt des Weltinteresses. Nicht aber positive oder erstaunliche Geschichten sind es, die dieses Aufmerken auf sich lenken. Es ist die Angst vor diesem Menschengewirr, dessen Antrieb, Wurzeln und Zukunft man im Westen nicht versteht. Der Schwarze Tod ist wieder aufgetaucht. Die Menschen dicht an dicht streben in Panik in alle Himmelsrichtungen auseinander. Die Beulen- und die Lungenpest raffen viele Leute dahin. Es kommt zu einem Loch in der Versorgung der Bevölkerung mit den entsprechenden Medikamenten. Voller Angst decken sich die Leute mit Antibiotika ein, so daß mancher Apotheker der wartenden Menschenschlange nur noch achselzuckend gegenübertreten kann. Andere horten diese lebensrettende Arznei, bis sich die Preise überschlagen und fetter Reibach gemacht werden kann. Im Bewußtsein eines Europäers ist diese Krankheit nur noch in der Geschichte. Das Mittelalter ist voll davon. Doch das davon keine Rede sein kann, beweisen die Annalen der W.H.O., die penibel die auftretenden Fälle dieser Seuche sammelt. Im Bewußtsein der Menschen ist sie dennoch nicht, obwohl diese Sammlung durchaus nicht nur aus Einzelfällen besteht und schon gar nicht nur in Dritteweltländern zu finden ist. Zwei Begleiter des Menschen stecken hinter dieser unausrottbaren Krankheit. Zum einen ist es der Mensch selbst, der Vieles ertragen kann sobald er sich daran gewöhnt. Es ist die Reinlichkeit, die nur da Fuß fassen kann, wo der Mensch nicht mehr in dem Zwange des eigenen Überlebens behaftet ist, in Gesellschaften, in denen das Existenzielle fehlt. Doch das sind nur 20% der Weltbevölkerung. Sie erheben sich aus dem Kampf mit solchen Dingen und sind stolz darauf. Aber sie haben viel gefährlichere Seuchen entwickelt, die nicht nur sie selbst, sondern die ganze Welt bedrohen und gefährden. Dinge, die in den Statistiken der Welt- Gesundheits-Organisation gar nicht auftauchen, weil es geistige Krankheiten - Denkgewohnheiten und Weltanschauungen sind. Das zweite Übel sind die ewigen Begleiter der Menschen - die Ratten. Überlebensfähig wie kein zweites Lebendiges auf dieser Erde, klug und anpassungsfähig, sind sie der Untergrund auf dem die Menschen leben. Ihnen genügt die Nische, die die Menschen ihnen in ihren Handlungsgewohnheiten schaffen. Schmutz und Unrat wird unter den Teppich gekehrt und vergessen. Oben sieht es rein und sauber aus und damit ist das Auge und Denken des Menschen befriedigt. Die Kraft erlahmt und wendet sich anderen Aufgaben zu. Die Ratten blinzeln, schnuppern und freuen sich und unerkannt erobern sie das Schattenreich, das die Zweibeiner ihnen lassen. Auch die Ratten haben ihre Begleiter. Es sind jene Flöhe, die die Überträger dieser fürchterlichen Geißel des Menschen sind. Leben ihre Wirte gut, so kann auch dem Floh nichts passieren. Ihn kümmert nicht, was sein Wirken anrichtet. Pferd und Reiter sind gut gerüstet. Das bißchen DDT das verstreut wird kann ihnen nichts anhaben und die Menschen müssen schon bald, ob der Gefährlichkeit dieses Pulvers, weitere Ausbringung desselben einstellen. Schon bald wendet sich die Aufmerksamkeit wieder anderen Dingen zu und das ewig gleiche Spiel des Vergessens beginnt erneut. In diesem Kosmos des Lebens, diesem verwirrendem Gedränge aus Menschenleibern, heiligen Tieren und Heiligen, aus tausenden von Göttern, die unnachgiebig in dieses Gefüge eingreifen, leben sie - die Gotteskinder. Die Ratten vom Schrein des Shah Daula in Gujrat, Pakistan. Mäusen und Ratten nicht unähnlich, in ihrer menschlichen Gestalt enstellt, sind sie ein eigenartiges und bemerkenswertes Phänomen des indischen Subkontinentes. Verflochten in dieses unaussprechliche Durcheinander von Göttern, Heiligen und Menschen, leben sie am Rande und gleichsam mittendrin. Am Schrein von Shah Daula würde der gefesselte, verwirrte westliche Betrachter wahrscheinlich vorbeiziehen, ohne auch nur zu ahnen wo er sich hier befindet, oder was sich hinter dem geschwungenen Tor verbirgt. In diesem Lande, in dem die Fruchtbarkeit der Frau ihre Ehe bestimmt, nimmt dieser Schrein, wenigstens in seinem kleinen Umkreis eine bedeutende Stellung ein. Unfruchtbarkeit ist ein häufiger Scheidungsgrund und gleichzeitig eine soziale Schwächung der Frau in ihrem Umkreis. Alle reden mit, bestimmen untereinander das Leben, lassen individuelle Entscheidungen nur begrenzt zu, hemmen bewußt und unbewußt Herzensentscheidungen. So ziehen noch heute die Frauen mit ihrer Unfruchtbarkeit gezwungenermaßen zum Schrein von Shah Daula und bitten zu den Göttern und ihren Heiligen. Menschlicher Glaube vollzieht die Wunder der Verwandlung von Unfruchtbarkeit in Fruchtbarkeit, von Mißachtung in Anerkennung der Hoffenden und Flehenden. Aber erhören die Götter das Bitten, so fordern sie schrecklichen Lohn - wie weiland Rumpelstilzchen von der Königin - das erste Kind! Das sind die Mäuse vom Schrein des Shah Daula. Es sind jene entstellten Kinder mit kleinen schmalen Köpfen (prenatale Mikrozephalie), die bettelnderweise mit ihren heiligen Männern vom Schrein oder auch an Familien verpachtet umherziehen und den Menschen ihren Tribut abfordern, der jenem Geber eine Ablaß seiner Verfehlungen, einen Pluspunkt im nachtodlichem Leben gewährt. Das Karma als Motor im indischen Leben erschafft diese uneinsehbare Struktur des Bestimmtseins vom Geistigen im irdischen Leben. »Gotteskinder leben nie an einem Ort, sie laufen immer weg...«. Mit diesen lakonischen Worten, ergeben in dieses Gefüge, ergibt sich die Mutter einer »Maus« in das Schicksal eines weggegebenen Kindes. Sie wollen es nicht weggeben, müssen sich aber dem Willen ihres Mannes, der Verwandten und Bekannten beugen, müssen ihr Leid ertragen, den Schnitt vergessen. Schwer ist es sich auf die Suche zu machen nach den verlorenen Kindern - den Mäusen, wie sie überall genannt werden. Doch fest ist dieses Gefüge, das auch handfeste ökonomische Gründe hat und manche Suche bleibt erfolglos - »Was man nicht findet, muß man vergessen...« - scheint dann der einzig rettende Gedanke zu sein. Es ist eine merkwürdige Fügung, die die Ratten als festen, untergründigen Bestandteil des menschlichen Lebens mit diesen armen Geschöpfen vom Schrein des Shah Daula verbindet. Sie sind Randexistenzen, nicht wegzudenken, eingefügt in das Leben, in das Verbundensein mit den Göttern und ihren Mittlern. Atomtechnik, Raketen und Satelliten bringt dieses Land heutzutage hervor, aber im Leben der Menschen bestimmen weiter die uralten Vorstellungen und Rituale das Alltägliche. Bewundernswert gelassen wird dieser Riß zwischen Zustand und Möglichkeit ertragen, leben Hunderttausende auf engstem Raum miteinander. Hindutempel, moslemische Gebetshäuser, Christenkapellen, buddhistische Schreine, persische Paria und alle Formen anderer geistiger Hinwendung. Mitunter kommt es zu fürchterlichen Aufständen und Feindschaften - nicht gegen die sozialen und alltäglichen Zustände mit und in denen die Menschen leben - nein - sondern gegen Religionen und zwischen ihren aufgestachelten, stets in Massen auftretenden Fundamentalisten. Blut fließt, Vertreibungen setzen ein, das Militär muß die Ordnung wieder herstellen und alles kommt nach einiger Zeit wieder zur Ruhe - setzt sich wie die Schwebeteilchen im Wasser - immer auf den nächsten Stein des Anstoßes wartend. Die Religionen haben in diesem Mikrokosmos ein unentwirrbares Geflecht gegenseitiger Abhängigkeiten, spiritueller und lebenspraktischer Besonderheiten geschaffen - die uns Staunen machen...

Du denkst, ich schlafe? Ich schlafe nicht; ich höre alles...

Jan 2019
15

Am heutigen Tage des großen Theaters unserer Freunde auf der Insel können wir also nur mit einem großen Theater des Ostens antworten.

»Das geht nicht, Ilja Iljitsch«, sagte Sachar. »Ich würde mich von Herzen freuen, wenn es ginge; aber es geht schlechterdings nicht!«

Rufen wir sie also zur Ordnung: « Odaaaa, Odaaaaar! » :-)

Iwan Gontscharow: Oblomow - Aus Kapitel 11 / 12

Kaum hatte Ilja Iljitschs Schnarchen Sachars Ohr erreicht, als er auch schon vorsichtig ohne Geräusch von der Ofenbank sprang, auf den Zehen auf den Flur ging, seinen Herrn einschloß und sich zum Haustor begab.

»Ah, Sachar Trofimowitsch! Seien Sie uns willkommen! Man hat Sie ja so lange nicht gesehen!« sagten in verschiedenen Tonarten die Kutscher, Lakaien, Frauen und Kinder am Tore.

»Was macht denn Ihrer? Er ist wohl ausgegangen?« fragte der Hausknecht.

»Er schläft«, erwiderte Sachar finster.

»Nanu?« sagte ein Kutscher. »Ich möchte meinen, es ist doch noch zu früh; um diese Tageszeit ... er ist wohl krank?«

»Wo wird er krank sein! Er hat sich vollgesoffen«, versetzte Sachar in einem Tone, als ob er selbst davon überzeugt wäre. »Können Sie es glauben: er allein hat anderthalb Flaschen Madeira und zwei Liter Kwaß getrunken: da hat er sich nun hingelegt.«

»Sieh mal an!« sagte der Kutscher neidisch.

»Warum hat er sich denn heute betrunken?« fragte eine der Frauen.

»Nein, Tatjana Iwanowna«. antwortete Sachar, indem er ihr nach seiner Gewohnheit einen schiefen Blick zuwarf; »das ist nicht bloß heute so; er ist überhaupt ein rechter Taugenichts geworden; es ekelt einen, davon zu reden!«

»Er ist offenbar ganz wie der Meine!« bemerkte die Frau mit einem Seufzer.

[ ... ] Hier verlassen wir nun die tratschenden Seelen für einen Augenblick und kehren zu späterer Stunde zurück. [ ... ]

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